Lehren der Demut in selbstverliebten Zeiten
Wer? Dr. Eugen Drewermann
Theologe, Friedensaktivist und Schriftsteller
Wann? 9. Dezember 2025
Wo? Paderborn
Demut als Gegengewicht zum Anspruch auf Allwissenheit?
Mit dem Humanismus und spätestens mit der Aufklärung wurden die Menschen in Europa dazu ermutigt, ihren eigenen Verstand zu gebrauchen. Kritisches Denken sollte ihnen helfen, die Welt zu verstehen und unabhängig von Autoritäten, Traditionen und religiösen Dogmen zu urteilen.
„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, forderte Immanuel Kant, einer der bedeutendsten Denker dieser Epoche.
Mit der Befreiung von kirchlicher Kontrolle und dem Fortschritt in Wissenschaft und Technik festigte sich die Überzeugung, der Mensch könne als vernunftbegabtes Wesen auch ohne göttliche Führung bestehen. Wer das Atom spaltet, das Erbgut verändert und die Gesetzmäßigkeiten der Natur erforscht, gerät jedoch leicht in die Versuchung, die Grenzen seines Begreifens zu übersehen – und sich selbst zu überschätzen. Geblendet von der eigenen Geistesgröße strebt der Mensch nach Wissen und Macht und öffnet die Büchse der Pandora, aus der er Kräfte freisetzt, die ihm seiner Kontrolle entgleiten.
Die „Krone der Schöpfung“ ersetzt den Verlust der Religion durch den Götzenkult um das eigene Selbst – und verkennt ihre Ohnmacht. Trotz aller Vernunft bleibt der Mensch blind für die Tatsache, dass er bis heute die zentralen Fragen zur eigenen Existenz nicht beantworten kann: Wir wissen nicht, warum wir existieren, wie lange unser Leben sein wird oder was nach dem Tod geschieht. Obwohl es uns nicht geben müsste und das wir sind, ein Geschenk ist, fehlt es uns oft an Demut – gegenüber uns selbst, unseren Mitmenschen und der Welt, die uns trägt.
„Doch nur der Glaube an Gott bewahrt uns davor, selbst Gott spielen zu müssen. Das Programm des homo deus (des Menschengottes) ist nicht die Verheißung des 21. Jahrhunderts, es ist der Grund der Katastrophe, die wir selbst uns soeben bereiten.“1
Im Matthäus-Evangelium (Mt 5,3) heißt es: „Selig sind die Armen im Geist, denn ihrer ist das Himmelreich.“ Gemeint ist damit keine materielle Armut, sondern eine Haltung der Demut und Offenheit – die Einsicht in die eigene Begrenztheit und das Vertrauen auf eine höhere Ordnung.
Wer „arm im Geist“ ist, erkennt seine Grenzen und bleibt empfänglich für eine Führung, die über das eigene Wissen hinausweist. Um zu erfahren, ob Demut tatsächlich ein Gegengewicht zum Anspruchsdenken auf Allwissenheit ist, sprechen wir in dieser Folge der Umdenkseiten mit Dr. theol. Eugen Drewermann, einem Wegweiser globaler Menschlichkeit.
Fußnote
1 Drewermann, Eugen: Über die Unsterblichkeit der Tiere. Über die Verwandtschaft allen Lebens. Zwei Essays, Ostfildern 2022, S. 11 f.
Vision einer Kultur der Potenzialentfaltung
Von der Verwicklung hin zur Entwicklung
Wer? Prof. Dr. Gerald Hüther
Neurobiologe, Autor und Gründer der Akademie für Potenzialentfaltung
Wann? 19. August 2025
Wo? Witzenhausen
Gesellschaft 4.0 – Aufbruch in eine neue Beziehungskultur
Der Einzelne wird erst durch die anderen zu dem, was er ist. Ohne Gemeinschaft, ohne Gesellschaft wäre er nicht lebensfähig – er könnte weder sprechen noch laufen lernen, geschweige denn sich in der Welt zurechtfinden. Alles, was wir an Fähigkeiten, Wissen und Orientierung besitzen, verdanken wir der Kultur, in die wir hineingeboren werden, und den Menschen, die uns begleiten. Es lässt sich daher kaum leugnen, dass wir der Gesellschaft vieles zu verdanken haben. Und trotzdem sollte Dankbarkeit nicht mit blindem Gehorsam verwechselt werden. Vielmehr bedeutet sie, Verantwortung zu übernehmen – auch durch kritische Fragen und das Benennen von Missständen, denn gerade in engen Beziehungen, wie im gesellschaftlichen Miteinander, ist eine wohlmeinende, konstruktive Kritik nicht nur erlaubt, sondern überfällig. Daher sollten wir nicht vergessen:
In der Gesellschaft bewegen wir uns in einem Gefüge aus hierarchischen Strukturen, in dem Menschen in unterschiedliche Machtpositionen und Rollen eingeordnet werden. Was uns dabei kaum noch auffällt, weil es so selbstverständlich erscheint, ist die Tatsache, dass wir uns gegenseitig immer wieder zu Objekten unserer Erwartungen, Interessen und Bewertungen machen. Indem wir andere Menschen nach dem beurteilen, was sie für uns leisten, erfüllen oder darstellen sollen, berauben wir sie ihrer Lebendigkeit und Einzigartigkeit. So betrachten wir jeden Einzelnen meist unter dem Aspekt seiner Verwertbarkeit: als Ressource im Konkurrenzkampf, als Mittel zur Steigerung von Effizienz, Profit und Anpassungsfähigkeit an bestehende Strukturen.
Ob in der Schule oder am Arbeitsplatz – fast überall sind wir in Systeme eingebunden, in denen andere für uns bestimmen, was richtig und falsch ist. Anpassung wird belohnt, Abweichung bestraft. Wo solche entfremdeten Erfahrungsprogramme dominieren, entwickeln Menschen ihre Ansichten und Handlungsweisen nicht mehr aus innerem Antrieb, sondern aus vorauseilendem Gehorsam – um die Erwartungen, Leistungen und Vorgaben anderer zu erfüllen. Auf diese Weise bringt unsere Gesellschaft massenhaft Menschen hervor, die zwar hervorragend funktionieren, jedoch sinnentleert und fremdbestimmt sind. Sie macht ihre Mitglieder zu Objekten – zu Rädchen im Getriebe –, die funktionieren, anstatt zu fühlen, zu hinterfragen oder lebendig zu sein.
Wie wir unsere Lebendigkeit zurückgewinnen können – jene, mit der wir einst als Kinder in die Welt kamen –, und wie es uns gelingen mag, unsere Potenziale wieder selbstbestimmt zu entfalten, darüber sprechen wir in einer weiteren Ausgabe der UmDenkSeiten mit Prof. Dr. rer. nat. Gerald Hüther.
Ebendieser weiß, dass unsere Gesellschaft für jeden Einzelnen eine Vielzahl von Überzeugungen bereithält – Dogmen, Ideologien und Glaubenssätze –, die zunächst Halt und Orientierung geben. Doch im Laufe unseres Lebens übernehmen wir diese nicht passiv, sondern aktiv – aus dem Bedürfnis heraus, dazuzugehören, Anerkennung zu finden und Sicherheit zu gewinnen: geprägt durch Erziehung, Anpassungsdruck und eigene Entscheidungen. Dabei entstehen in unserem Gehirn feste Verknüpfungen, die unser Denken, Fühlen und Handeln voneinander trennen. So verstricken wir uns zunehmend in Vorstellungen – und verlieren die Fähigkeit, unser Selbst- und Weltbild kritisch zu hinterfragen. Wer jedoch in solchen Überzeugungen gefangen bleibt, sieht nicht mehr, was wirklich ist, sondern nur das, was er sehen will. Für Hüther ist klar: Ein solcher Mensch ist nicht frei, sondern ein Gefangener seiner eigenen Vorstellungen.
Um Menschen zu ermutigen, sich aus diesen Verwicklungen zu lösen, hat Gerald Hüther die Akademie für Entwicklungshilfe ins Leben gerufen – eine virtuelle Plattform, die wie ein Haus gestaltet ist. Dort erwarten uns ein Rumpelkeller, ein Empfang, ein Parcours, eine Cafeteria und ein Dachboden – jeder Raum ein Sinnbild für eine Phase des Entwicklungsprozesses. Mit Übungen, Aufgaben und kleinen Anstößen lädt die Akademie dazu ein, die eigene Selbstreflexion zu erproben. Wie ein Rundgang durch dieses besondere Haus aussieht, darüber sprechen wir in einer weiteren Folge der UmDenkSeiten mit dem Architekten und Hausherrn der Akademie selbst.
Psychische Revolution, Falsches Leben & Normopathien, Gefühlsstau & Kompensation
Wer? Dr. med. Hans-Joachim Maaz
Psychiater, Psychotherapeut und Bestsellerautor
Wann? 15. April 2025
Wo? Halle an der Saale
Verändere dich, und du veränderst die Welt
In den ersten Folgen der UmDenkSeiten widmen wir uns einem Themenkomplex, der vermutlich nicht jedermanns Sache sein wird – dessen Bedeutung für das Individuum, unsere Gesellschaft und die Zukunft der Menschheit jedoch kaum überschätzt werden kann. Getreu dem Motto „Verändere dich, und du veränderst die Welt“ bezieht sich das Umdenken in den ersten drei Episoden auf das Leben jedes Einzelnen. Doch was so einfach klingt, entpuppt sich für die Menschheit als eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt. Denn während der Mensch gerne mit dem Finger auf andere zeigt, greift er nur ungern an die eigene Nase.
Warum gerade dieser innere Fingerzeig – die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, den persönlichen Glaubenssätzen und dem individuellen Weltbild – für nahezu jeden Menschen aufschlussreich sein kann, besprechen wir mit dem renommierten Psychiater, Psychotherapeuten und Bestsellerautor Dr. med. Hans-Joachim Maaz. In der ersten Folge der Reihe „UmDenkSeiten im Gespräch“ erläutert er, was es mit dem sogenannten „Gefühlsstau“ auf sich hat – seinen Ursachen, Folgen und charakteristischen Ausprägungen.
In der zweiten Folge richten wir den Blick auf unsere Gesellschaft und sprechen über sogenannte „Normopathien“ und das „Falsche Leben“.
Ganz im Sinne der UmDenkSeiten bleiben wir jedoch nicht bei der Analyse des Ist-Zustandes stehen, sondern wagen in der dritten Folge einen visionären Blick in die Zukunft. Wir stellen uns vor, wie eine Welt von morgen aussehen könnte – eine Welt, in der Menschen ganz sie selbst sind und im Einklang mit ihrem inneren Wesenskern leben. Dieses Zukunftsbild weckt verlockende Assoziationen und mündet in einem Appell für einen friedlichen Wandel: Nicht zu den Waffen rufen wir auf, sondern zur Psychischen Revolution. Und so erheben wir – in tiefer Überzeugung von ihrem Sieg – die Faust zum Gruß und lassen es laut gesagt sein:
„Erleuchtete aller Länder, vereinigt euch!“






